Saragossa. Es geht ums Wasser, da weiß der Ebro mitzureden. Dreimal ist Spaniens wasserreichster Fluss den vergangenen Wochen bei Saragossa über die Ufer getreten und hat den Bauarbeitern auf dem Expo-Gelände das Leben schwer gemacht. Sie bauten eine Barrikade aus Sandsäcken, aber die half nicht viel, das neue Amphitheater wurde trotzdem überschwemmt.
Zugegeben, Baustellen von Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Weltausstellungen sehen immer so aus, als könnten die Arbeiten nie und nimmer zum angesetzten Termin abgeschlossen sein. Das war auch bei der vorangegangenen Expo auf der Iberischen Halbinsel so -1998 in Lissabon klopften Arbeiter noch ein paar Stunden vor der Eröffnung Pflastersteine in den Sand. Und dann war doch alles rechtzeitig fertig. Aber damals hatte sich nicht das Wetter gegen die Veranstalter verschworen.
An diesem Freitagabend soll die Weltausstellung unter dem Motto ,,Wasser und nachhaltige Entwicklung" in der ostspanischen 670 000-Einwohner-Stadt Saragossa feierlich von König Juan Carlos eröffnet werden, am Sonnabend darf das Publikum das Expo-Gelände erkunden. Irgendwie wird es schon gehen. Obwohl es "ein Wunder" sei, nach zweieinhalb Jahren Bauzeit rechtzeitig ans Ziel gekommen zu sein, sagte am Montag Expo-Präsident Roque Gistau. Ein Opfer hat der angeschwollene Ebro schon gefordert: Das geplante Eröffnungsspektakel auf dem Fluss ist beim jetzigen Wasserstand nicht durchführbar, der König und die Ehrengäste werden sich mit einem Feuerwerk begnügen müssen.
Irgendwie scheint es in Spanien mit dem Wasser nie so richtig zu passen. Die Fernsehnachrichten berichten abwechselnd von Dürre hier und Überschwemmungen dort. Im Februar verkündete der oberste Wasserpolitiker, Jaime Palop: "Spanien leidet unter der schlimmsten Dürre der letzten Jahrzehnte." Zwischen April 2007 und April 2008 regnete es so gut wie gar nicht. In Barcelona begann man, sich auf den Notstand vorzubereiten, Tankschiffe voll Wasser sollten die Grundversorgung sichern.
Dann kam der Regen und bescherte Spanien seinen feuchtesten Frühling seit Menschengedenken. Die Mittelmeerprovinz Tarragona, am Unterlauf des Ebro, verzeichnete den regenreichsten Mai seit Beginn der Messungen 1880. Die Spanier warten so sehnsüchtig auf die Sonne wie sonst die Nordeuropäer, aber in jedem Gespräch übers Wetter fällt der Satz: "Das wurde Zeit. Immerhin sind die Stauseen wieder voll."
Passend also, dass Spanien seine Expo dem Wasser widmet. Die Weltausstellungen, ursprünglich Industrieschauen, sind heute eine Mischung aus Jahrmarkt und Wissenschaftsmuseum. "Kein pures Spektakel", sagt Anja Ehrke, die Direktorin des deutschen Pavillons, "obwohl die Unterhaltung ein wichtiger Faktor ist: als didaktisches Element." Was die Deutschen den Besuchern zu zeigen haben, vermitteln sie auf unterhaltsame Weise, auf einer sieben Minuten langen Fahrt im Elektroboot über einen gewundenen Kanal im Inneren des Pavillons. Kurze Filme und Ausstellungsstücke informieren unterwegs über neue Technologien zur Trinkwassergewinnung und zur Wasserklärung "made in Germany". Da ist noch der ursprüngliche Industrieschaugedanke der Expos zu spüren. "Ich hoffe, dass man sich gerade nach dem Besuch unseres Pavillons wirklich bereichert und klüger fühlt", sagt Ehrke.
Das Problem aller Weltausstellungen ist die Masse an unverbundenen Eindrücken, die Vielfalt der Pavillons, von dem jeder den Besucher in eine eigene kleine Welt führt. 102 Länder sind in Saragossa zu Gast, außerdem haben die 17 spanischen Regionen ihre eigenen Pavillons. Überall wird das Wasser im Mittelpunkt stehen, weswegen Anja Ehrke davon überzeugt ist, dass "diese Expo inhaltlich tiefer geht als andere Expos". Wer erinnert sich noch an das Motto der Expo 2000 in Hannover? "Mensch - Natur - Technik" - der Bogen war sehr weit gespannt. Vielleicht wird es in Saragossa gelingen, die Gäste für dieses eine, fassbarere Thema, "Wasser und nachhaltige Entwicklung", zu sensibilisieren, wie Ehrke hofft.
Das Gastgeberland Spanien hätte viel über den richtigen Umgang mit dem Wasser zu lernen. Noch immer verplempert das Land sein Wasser, als hätte es zu viel davon. Zu den größten Verschwendern gehört die Landwirtschaft, auf die vier Fünftel des spanischen Wasserverbrauchs geht. Die Tourismusindustrie baut Ferienanlagen mit Golfplatz gerade dort, wo die größte Wasserknappheit herrscht - was zu ewigem Streit zwischen wasserarmen und wasserreichen Regionen führt. Die einen fordern die Solidarität der anderen und erwarten, dass jene ihre Überschüsse durch gewaltige Kanäle in den trockenen Süden pumpen. Doch die vom Regen begünstigten Regionen wie das ostspanische Aragon, dessen Hauptstadt Saragossa ist, wollen davon nichts wissen und erwarten von den anderen Sparsamkeit. Die Zeitungen sprechen vom "Wasserkrieg". Um das Fest nicht zu verderben, soll der Krieg auf dieser Expo nicht ausgefochten werden. Auch die Gäste sind zurückhaltend. "Wir wollen niemandes Lehrmeister sein", sagt Anja Ehrke. "Wir geben hier keine konkrete Message aus", sagt David Grolimund, der Chef des Schweizer Pavillons.
Die Expo wird vor allem einen Nutznießer haben: Saragossa. Die Weltausstellung sei "die große Chance der Stadt", sagt Bürgermeister Juan Alberto Belloch. Saragossa, touristisch nur mittelmäßig interessant, ist auch innerhalb Spaniens eine große Unbekannte. Nun wird die Stadt einmal für drei Monate, bis zum Schluss der Expo Mitte September, im Mittelpunkt der spanischen Aufmerksamkeit stehen und auch international von sich reden machen. Vor allem aber hat sich Saragossa mit dem Expogelände innerhalb einer Ebro-Schleife im Norden des Stadtzentrums seinen Fluss zurückerobert. Ein völlig neues Viertel ist entstanden, mit einigen bemerkenswerten Bauten wie dem "Wasserturm" des Spaniers Julio Martinez Calzon und einem Brückengebäude über den Ebro von Zaha Hadid, der irakischen Stararchitektin.
Nach der Expo werden Privatfirmen und die Regionalregierung von Aragon in die Gebäude der Weltausstellung einziehen, und die Menschen aus Saragossa werden den neu angelegten Flusspark im Rücken des Expo-Geländes durchstreifen können. Wenn es nicht wieder gerade zu heftig geregnet hat und der Ebro über seine Ufer getreten ist.
Termine & Preise
Die Expo ist vom 14. Juni bis zum 14. September täglich von 9.30 Uhr an geöffnet. Der Cirque du Soleil hat ein eigenes Programm entworfen, das er täglich um 12 Uhr aufführt. Abends gibt es Konzerte, zum Beispiel mit Alanis Morrisette (28. Juni), Youssou N'Dour (18. Juli), Ruben Blades (1. August). Programm und Tickets unter www.expozaragoza2008.es - Erwachsene 30,80 Euro (ein Tag), 61,60 Euro (drei Tage). Teure Direktflüge gibt es bei lberia von Frankfurt nach Saragossa. Günstiger sind Flüge nach Madrid oder Barcelona, von dort geht es per Schnellzug in 90 Minuten nach Saragossa.
mad
aus Hannov. Allgemeine Zeitung v. 12.06.2008